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28.07.2016, 10:35 Uhr  //  Kultur

Unerhörte Orte: „Vorwärts“-Hallen Schwerin

Unerhörte Orte: „Vorwärts“-Hallen Schwerin
 Ecki Raff kleiner (Bild) Ilka von Bodungen (Text) // www.snaktuell.de


Schwerin - In der Reihe „Unerhörte Orte“ bespielen die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Spielstätten, in denen noch nie klassische Musik erklang, mit eigens konzipierten Programmen. Das ehemalige Kraftfahrzeuginstandsetzungswerk „Vorwärts“ Schwerin wird am Freitag, den 5. August um 19:30 Uhr zum spektakulären Konzertort. Nach einer musikalischen Erkundungstour durch die heute leeren Werkshallen, in denen sich von 1948 bis kurz nach der Wende zeitweilig mehr als 800 Mitarbeiter um die Reparatur von LKWs und PKWs kümmerten, erklingt Musik unter freiem Himmel vor der eindrucksvollen Industriekulisse. Preisträgerin in Residence Vilde Frang bringt zusammen mit Nicolas Altstaedt Werke für Violine und Violoncello zu Gehör, die von Texten zur Geschichte dieses „Unerhörten Ortes“, gelesen von der Schauspielerin Anna Thalbach, begleitet werden. Die Textcollage wurde von Staatstheater-Chefdramaturg Ralph Reichel auf der Grundlage von Interviews mit ehemaligen „Vorwärts“-Mitarbeitern zusammengestellt. Zum fulminanten Abschluss spielt die junge norddeutsche philharmonie Strawinskis Le Sacre du printemps.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Landesmarketing MV sowie mit freundlicher Unterstützung der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der NORD/LB Kulturstiftung, der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, der Oscar und Vera Ritter-Stiftung, der Stadtwerke Schwerin GmbH sowie von 50Hertz statt. Für das Konzert gibt es noch Karten unter www.festspiele-mv.de, telefonisch unter 0385 5918585, an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie an der Abendkasse, die um 18:30 Uhr öffnet.

Igor Strawinski ist einer der wenigen russischen Künstler, die aus freien Stücken ihre Heimat verließen, sich zum Weltbürger mauserten und in unterschiedlichen Ländern, ebenso wie in verschiedenen Stilen, heimisch wurden. Kaum eine Musik ist dennoch russischer als die seiner frühen Phase, zu der insbesondere Le Sacre du printemps zählt. Löste die Uraufführung 1913 in Paris noch jenen legendär gewordenen Skandal aus, so ist die Komposition inzwischen zu einem „Klassiker“ des 20. Jahrhunderts geworden. Des Weiteren erklingen während der Lesung Auszüge aus „3 Strophes Sur Le Nom de Sacher“ von Henri Dutilleux und Zoltan Kodálys Duo für Violine und Violoncello op. 7.

Seit sie 2010 den WEMAG-Solistenpreis gewann, war Vilde Frang regelmäßig bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern zu Gast. Nun kehrt die außergewöhnliche junge Norwegerin zurück und gestaltet mit 17 Konzerten die Saison. Geboren in Norwegen, begann Vilde Frang als Vierjährige mit dem Geigenspiel und gab bereits im Alter von zehn Jahren ihr Debüt beim Norwegischen Rundfunk-Orchester. Sie studierte am Barratt-Due-Musikinstitut in Oslo, bei Kolja Blacher in Hamburg und bei Ana Chumachenco in München. 1998 folgte Vilde Frang einer ersten Einladung von Mariss Jansons zu einem Konzert mit dem Oslo Philharmonic Orchestra. Seitdem bereist sie die Welt und ist bei den international wegweisenden Orchestern zu Gast. 2012 gab sie ihr Debüt mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Bernard Haitink beim Lucerne Festival.

Der deutsch-französische Cellist Nicolas Altstaedt ist ein vielseitiger Musiker, dessen künstlerischer Bogen sich von der historischen Aufführungspraxis über das klassische Cellorepertoire bis zur Auftragsvergabe neuer Werke spannt. Er wurde mit dem Credit Suisse Young Artist Award 2010 ausgezeichnet, welcher mit seinem Debüt mit den Wiener Philharmonikern unter Gustavo Dudamel beim Lucerne Festival verbunden war. Seitdem konzertierte er weltweit mit Orchestern wie dem Tonhalle Orchester Zürich, dem Tokyo Symphony Orchestra, dem Tokyo Metropolitan Orchestra, dem Melbourne Symphony Orchestra sowie allen BBC Orchestern und arbeitete mit Dirigenten wie Sir Roger Norrington, Sir Neville Marriner, Vladimir Ashkenazy oder Andrew Marcon, um nur einige zu nennen.

Die junge norddeutsche philharmonie ist eines der aufstrebendsten musikalischen Nachwuchsprojekte in Deutschland. Musikstudierende Norddeutschlands werden in energiegeladenen und innovativen Konzerten zu einem Klangkörper mit höchsten Ansprüchen vereint – Zukunftsmusik von heute!  Im Jahr 2010 in Rostock geboren und auf den Konzertbühnen Norddeutschlands groß geworden, begeistert die junge norddeutsche philharmonie jährlich tausende Konzertbesucher und hat sich zu einem festen Bestandteil der norddeutschen Musiklandschaft entwickelt. Neben klassischen Konzerten liegt ein weiterer Fokus des Orchesters auf innovativen Veranstaltungsformaten und Musikvermittlungsprojekten. Dabei schlägt der Klangkörper Brücken über die Genregrenzen hinweg, von der Klassik hin zum Jazz und zur elektronischen Musik.

Christoph Altstaedt eröffnete die Spielzeit 2015/16 mit seinem Debüt bei der Glyndebourne Opera, als er im Rahmen einer Großbritannien-Tournee die Neuinszenierung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail unter der Regie von David McVicar dirigierte. Außerdem feierte er sein Debüt mit dem Theater Basel mit einer Neuinszenierung von Mozarts Zauberflöte unter der Regie von Julia Hölscher. Danach debütierte er mit der Opera North und der Oper Zürich. Höhepunkte der letzten Spielzeiten waren Debüts mit dem hr-Sinfonieorchester, dem Konzerthausorchester Berlin, dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, dem Philharmonischen Orchester Oslo, dem Musikkollegium Winterthur Orchester, dem Auckland Philharmonia Orchestra, der Philharmonie Zuidnederlands im Amsterdamer Concertgebouw und dem Royal Scottish National Orchestra. Im Frühling 2015 hat Altstaedt zudem sein USA-Debüt mit dem Indianapolis Symphony Orchestra gefeiert. Bereits 2014 tourte Altstaedt gemeinsam mit der jungen norddeutschen philharmonie durch Deutschland und trat u. a. bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern auf.

Anna Thalbach, geboren 1973, ist seit mehr als zwanzig Jahren eine gefragte TV- und Kinoschauspielerin, die auch immer wieder an renommierten Bühnen wie dem Münchner Residenztheater, dem Berliner Ensemble oder dem Schauspielhaus Zürich tätig ist. 2000 stand sie unter der Regie ihrer Mutter Katharina Thalbach am Berliner Maxim-Gorki-Theater in Tschechows Die Möweauf der Bühne.  Sie erhielt 2001 für ihre Darstellung im Tatort Kindstod (Regie: Claudia Garde) den Deutschen Fernsehpreis. Weitere Preise, mit denen sie ausgezeichnet wurde, sind der Max-Ophüls- Preis (1992), der Telestar (1993), der Darstellerpreis des Festival Cinema Tout Ecran (1999) in Genf, der Deutsche Hörbuchpreis (2008) sowie der Ohrkanus als Beste Sprecherin (2011).

Die „Vorwärts“-Hallen sind Teil der Industrieruine des einstigen Kraftfahrzeuginstandsetzungswerks (kurz: KIW) „Vorwärts“ im Schweriner Mittelweg. Das Werk wurde 1948 gegründet und bestand bis kurz nach der Wende. Mehr als 800 Mitarbeiter zählte der Volkseigene Betrieb, die sich hauptsächlich um die Lebensverlängerung von Lastkraftwagen der Marke IFA kümmerten. Nur 10 Prozent der reparierten Fahrzeuge waren private PKWs. Die imposante Anlage mit dem „Leuchtturm“ genannten Lichtmast auf dem großen Vorfeld, der großen Montagehalle mit dem typischen Sheddach (Sägezahndach) und dem Verwaltungsgebäude, das mittels Rohrpost die Aufträge an die Schaltstellen sendete, ist noch komplett erhalten. Allerdings kann man den Trubel und die Geschäftigkeit des einstigen Alltags nur noch erahnen. Inmitten der Stadt gelegen, jedoch gänzlich ohne Funktion, verliert der Bau allmählich den Kampf gegen die Natur, die sich das Gelände zurückerobert. Eine künftige Nutzung muss erst noch gefunden werden. Bis dahin herrscht eine merkwürdige Stille da, wo einst W50, Barkas, Trabi & Co. vor sich hin knatterten.

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