
Wismar – Der Buckelwal „Timmy“ ist frei. Das ist erst einmal die wichtigste Nachricht für alle, die an diesem Wochenende um das Jungtier gezittert haben. Es war ein langer Weg bis dahin, doch schon kurz danach begann der öffentliche Streit zwischen den handelnden und nicht-handelnden Personen dieser anstrengenden Zeit.
Wie der Wal aus der Barge nordwestlich von Dänemark in den Atlantischen Ozean entlassen wurde, ist unklar. Selbst die Initiatoren, die beiden Millionäre Karin Walter-Mommert (62) und Walter Gunz (79), wissen anscheinend nichts Genaues. In der „Bild“ erheben sie Vorwürfe gegen die Eigner, die Betreiber und ihnen bekannte Personen der Crew der Schiffe „Fortuna B“ und „Robin Hood“: „Wir distanzieren uns hiermit ausdrücklich von den Geschehnissen und der Art und Weise, welche zur Aussetzung des Wals führten.“
Tierärztinnen durften nicht zum Wal
Die Tierärztinnen Kirsten Tönnies und Anne Herrschaft sollen nicht zu Timmy gelassen worden sein. Nur Walexperte Jeffrey Foster durfte dabei sein. Ihm „wurde im Laufe der Vorgänge untersagt, sein Handy zu nutzen, unter Androhung, dieses ins Meer zu werfen“, schreibt die Zeitung. Am Freitag gab es bereits Versuche, den Wal mit Seilen vom Schiff zu bekommen. Die Nachrichtenseite „News5“ übertrug dies per Drohnenaufnahmen. Auch sie durften nicht in die Nähe des Tieres und hielten mit einem eigens gecharterten Boot Abstand.
Am Freitag sei es zu dramatischen Szenen in der Barge gekommen. Timmy erlitt anscheinend Hautabschürfungen an der Schnauze; der Versuch wurde auf Anweisung von Walter-Mommert abgebrochen. „Wir wollten, dass die Tierärztinnen den Wal heute noch mal begutachten. Das ist nicht passiert“, sagte sie zur „Bild“. Ein neuer Versuch sollte am Sonnabendnachmittag gestartet werden. Bis dahin war eigentlich Erholung für das Jungtier (4–6 Jahre) eingeplant. „Es gab wohl Druck auf die Schlepper-Kapitäne. Einer soll schon am 7. Mai in Holland sein. Und das, obwohl ich die Schlepper mit Open End gebucht hatte“, erklärt die Millionärin weiter.
Ursprünglich war der Plan, Timmy 200 Kilometer weiter nördlich, auf Höhe von Bergen (Norwegen), freizulassen. Nach der Entlassung soll laut „Bild“ der Kapitän der „Fortuna B“ von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht und dem Retter-Team jede weitere Dokumentation untersagt haben.
Peilsender sendet spät
Wie es dem Buckelwal nun geht, ist unklar. Der Peilsender, der ihm angelegt wurde, sprang erst am Abend an. Genaue Details sind nicht bekannt. Er soll allerdings in die richtige Richtung unterwegs sein. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) erklärte, dass die Barge nur in flachen Gewässern eingesetzt werden könne – das wäre von vornherein klar gewesen. Ein Widerspruch gegenüber Tierärzten und Initiatoren? Der 67-Jährige steht allerdings selbst in der Kritik.
Backhaus setzte lange auf die Meeresbiologen aus Stralsund, die den Wal bereits früh aufgaben. Walter-Mommert und Gunz dagegen ließen keine Kosten und Mühen scheuen, das Gegenteil zu beweisen. Die gesamte Aktion seit ihrer Übernahme soll mehr als 1,5 Millionen Euro gekostet haben. Eine genaue Summe steht anscheinend noch nicht fest. Den beiden ging es jedoch nicht um die Kosten.
Kritiker und Befürworter
Greenpeace geht von einer „minimalen Überlebenschance“ aus, da der Buckelwal auf einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas ausgesetzt worden sei. Die Naturschutzorganisation hatte sich von Anfang an nicht an der Rettungsaktion beteiligt und stufte diese als „Tierquälerei“ ein.
Dagegen spricht die Einschätzung der Klützer Tierärztin Dr. Ina Rheker in einem Interview mit SN-AKTUELL und RADIO LÜBECK. Sie sagte, dass Timmy in der Kirchsee garantiert gestorben wäre und dabei erheblich gelitten hätte.
Backhaus hingegen, der froh scheint, dass der Wal nun endlich frei ist, bekam eine ordentliche Breitseite von Walter-Mommert ab. Sie sagte gegenüber „Bild“: „Es ist schlichtweg falsch, wenn Backhaus sich als Walretter darstellt. Ohne ihn hätten wir Timmy viel früher retten können. Wir waren nur geduldet.“ Ebenso quittierte sie die Idee des Ministers für ein Denkmal: „Wenn ich ein Denkmal errichten würde, wäre es ein Denkmal der Schande: Ein Tier so lange hilflos und unbeachtet liegenzulassen!“
Wo ist Timmy?
Das dürften nicht die letzten Schuldzuweisungen gewesen sein. Fakt ist: Der Wal ist weg. Unklar bleibt, wo sich Timmy befindet und ob es ihm gut geht.
Das Drama begann Anfang März, als Timmy erst in Wismar, dann in der Flensburger Förde sowie in der Lübecker Bucht gesehen wurde. Dort strandete er am 23. März zum ersten Mal – in Niendorf. Nach einigen Rettungsversuchen gelang es ihm, sich freizuschwimmen, und er verließ die Stelle vier Tage später. Am 28. März strandete der Buckelwal in der Wismarer Bucht, kam allerdings wieder frei. Drei Tage danach folgte die lange Strandung in der Kirchsee vor der Insel Poel. Mitte April ließ Backhaus die private Initiative gewähren, da der öffentliche Druck zu groß wurde. Am 16. April begann die erneute Rettung. Vier Tage später gab es ein erstes Aufatmen, denn Timmy war wieder frei – allerdings nicht für lange. Erst als das Team von Walter-Mommert und Gunz eine 100 Meter lange Rinne ausbaggerte, lief es besser. Am 28. April verließ das Jungtier mit der Barge und dem Schlepper die Ostsee Richtung Nordsee. Seit dem 2. Mai ist nun unklar, wie es mit dem Wal weitergeht.