
Es ist ein bizarres Bild unserer Gesellschaft: Wenn eine Hauskatze auf einem Baum feststeckt, rückt die Feuerwehr sofort mit der Drehleiter an. Wir setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um ein einzelnes kleines Leben zu retten. Es ist eine Pflicht der Menschlichkeit. Doch wenn ein 20-Tonnen-Wal in unserem Vorgarten – der Kirchsee – langsam verendet, stehen wir daneben und verwalten seine letzten Stunden.
In Niendorf vor 18 Tagen hat man „einfach gemacht“. Man hat einen Bagger geholt, eine Rinne gegraben und dem Wal den Weg geebnet. Es gab keine seitenlangen Gutachten, sondern Handeln. Nun, vor der Insel Poel, scheint dieser Mut in Paragrafen versunken zu sein. Man hat das Gefühl: Man macht lieber gar nichts, als das Risiko einzugehen, etwas „Falsches“ zu tun.
Ich bin kein Wal-Experte. Ich bin weit weg von biologischen Tabellen. Aber ich bin ein Mensch mit Mitgefühl. Die Verantwortlichen wirken auf mich wie Ärzte, die einen Patienten bereits aufgegeben haben, während sein Herz noch schlägt. Natürlich, Biologie ist keine Mathematik und ein 20-Tonnen-Tier ist kein Spielzeug. Aber die Logik des „begleiteten Sterbens“ fühlt sich wie eine Kapitulation an. Nur weil eine Rettung „unbequem“ oder „riskant“ sein könnte, legen wir die Hände in den Schoß.
Besonders quälend sind die Laute, die der Wal vor einigen Tagen von sich gab. War es ein letzter Hilferuf oder die Bitte eines Erschöpften, ihn endlich in Ruhe zu lassen? Wir wissen es nicht. Wir stehen am Ufer und sind taub für die Bedürfnisse eines Wesens, das wir so sehr zu lieben vorgeben.
Für mich persönlich liegt in dieser Tragödie eine bittere Ironie. Mein eigenes Lebensmotto lautet „Einfach machen“. Gelernt habe ich diesen Satz ausgerechnet an der FH in Stralsund – genau dort, wo „Timmy“ nach seinem Tod obduziert werden soll. Dass man dort, wo man mir das Anpacken beigebracht hat, nun darauf wartet, den Misserfolg wissenschaftlich zu zerlegen, schmerzt.
Ich will nicht akzeptieren, dass Passivität die einzige Antwort ist. Wenn wir aufhören zu kämpfen, nur weil der Erfolg ungewiss ist, dann verlieren wir mehr als nur einen Wal. Wir verlieren ein Stück unserer eigenen Menschlichkeit.
Timmy hält uns den Spiegel vor. Er fragt uns: Was ist uns ein Leben wert, wenn die Rettung keine Erfolgsgarantie hat? Es ist Zeit, dass wir wieder lernen zu wagen, anstatt nur den Untergang zu verwalten.
Und manchmal ist das „Falsche“ zu tun menschlicher, als aus lauter Vorsicht gar nichts zu tun.
In diesem Sinne
Roland Kenzo
(Chefredakteur)