„Timmy“ ist tot! Die medizinischen und politischen Lehren

Dr. Ina Rheker mit Trauer und Hoffnung im Interview

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Der Kampf um „Timmy“ ist verloren: Der Buckelwal liegt tot vor Dänemark. Er hat es nicht geschafft. Symbolbild: KI-generiert / SN-AKTUELL
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Klütz – Das wochenlange Wechselbad aus Hoffen und Bangen um den gestrandeten Buckelwal „Timmy“ hat ein trauriges Ende gefunden. Nach dem Fund eines Wal-Kadavers vor der dänischen Insel Anholt steht nun offiziell und zweifelsfrei fest: Es ist das Jungtier aus der Ostsee. Während in der Region die Bestürzung groß ist, beginnt hinter den Kulissen die schonungslose Aufarbeitung der Pannen und Ereignisse. Die Klützer Tierärztin Dr. Ina Rheker zieht im exklusiven Gespräch mit SN-AKTUELL und RADIO LÜBECK eine umfassende, tiefgehende Bilanz einer Aktion, die trotz des bitteren Ausgangs kein völliger Fehlschlag war.

Die Identität des Tieres wurde am vergangenen Sonnabend endgültig geklärt. Dänische Taucher der Naturschutzbehörde und die deutsche Tierärztin Anne Herrschaft schwammen zu dem etwa 75 Meter vor der Küste treibenden Kadaver im Kattegat hinaus. Beim Untertauchen entdeckten sie den an der Rückenflosse angebrachten GPS-Sender. Die Seriennummer stimmte exakt überein. Der 10 bis 15 Meter lange Körper treibt weiterhin im dortigen Naturschutzgebiet; eine Bergung ist von dänischer Seite vorerst nicht geplant.

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Erste Schätzungen gehen davon aus, dass der Wal vermutlich rund eine Woche nach seiner Freisetzung am 2. Mai (SN-AKTUELL berichtete) verstarb. Ob die genaue Todesursache jemals bis ins Letzte geklärt werden kann, ist offen. Auch die Rolle der verschiedenen Stationen – vom wochenlangen Festliegen vor Poel bis hin zu den dokumentierten, höchst unglücklichen Vorgängen und der ungeplanten Freisetzung durch die Transport-Crew – muss untersucht werden.

Während Umweltminister Till Backhaus (SPD) die Duldung der von den Millionären Karin Walter-Mommert und Walter Gunz privat finanzierten 1,5-Millionen-Euro-Aktion verteidigte („Es war absolut menschlich, diese Chance zu nutzen“), sahen sich Wissenschaftler des Meeresmuseums Stralsund in ihren frühen Warnungen vor dem extremen Transportstress für das geschwächte Tier bestätigt.

Dr. Ina Rheker: „Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen jetzt niemandem mehr“

Tierärztin Dr. Rheker, die das Rettungsteam vor Ort fachlich begleitete, warnt im Interview vor der aufkeimenden Schlammschlacht: „Es ist natürlich total traurig, dass nun das wochenlange Wechselbad aus Hoffen und Bangen in der Erkenntnis endet, dass Timmy vermutlich ungefähr eine Woche nach seiner Freisetzung verstorben ist. Ich persönlich glaube auch, dass die jetzt schon wieder aufkeimenden Schuldzuweisungen an den verschiedenen Stellen einfach keinen Sinn machen, weil sie uns nicht nach vorne bringen und Timmy erst recht nicht mehr helfen.“

Gleichzeitig fordert sie jedoch ein ehrliches Abklopfen aller Stationen, um Fehler zu analysieren. Dies beginne weit vor der Strandung auf Poel: „Das fängt an beim ersten Auftauchen damals im Hafen in Wismar Anfang März mit dem Fischernetz, wo er mit dem halben Netz wieder davongeschwommen ist. Vielleicht hätte man damals das Netz aus dem Maul auch leichter entfernen können als zwei Monate später. Das sind alles natürlich Fragen, die wir uns jetzt alle stellen.“

Klare Absage an Kritiker: Medizinische Hilfe war Pflicht

Den in der Öffentlichkeit und von einigen Organisationen laut gewordenen Vorwurf, die Rettung sei „sinnloser, tierschutzwidriger Aktionismus“ gewesen, weist die erfahrene Tierärztin rigoros zurück und zieht einen plastischen Vergleich aus ihrer täglichen Praxis:

„Ich habe in all den Jahren als Tierärztin noch nie erlebt, dass jemand mit einem verletzten Igel zu mir gekommen ist, auf dem schon Maden kriechen, und der dann nicht wollte, dass ich das Tier behandle und wenigstens versuche, es zu retten. Wenn ich demjenigen gesagt hätte: ‚Legen Sie den einfach mal schön wieder dahin, wo Sie ihn hergeholt haben, damit er da in Ruhe und in Würde sterben kann‘, dann hätte ich sicherlich fassungslose Reaktionen geerntet. Und so ähnlich ist das hier ja auch. Ich habe gar kein Problem damit, dass ein Tier ganz in Ruhe und in Würde sterben kann, wenn es das denn tut. Wenn es dabei aber erheblich leidet, dann ist es unsere Aufgabe als Tierärzte, dass wir dem Tier beistehen und ihm sein Leid nehmen oder wenigstens verringern.“

Faszinierende medizinische Erkenntnis: Wildtier gewöhnte sich an Behandler

In der Position, wie der Wal vor Poel direkt neben der Fahrrinne lag, während die Möwen bereits auf ihm herumgepickt hatten, habe er „nicht den Hauch einer Chance“ gehabt, sich selbst zu befreien oder schmerzfrei zu sterben.

Rheker teilt zudem eine bemerkenswerte Beobachtung über das Verhalten des Meeresgiganten während der intensiven Betreuung: „Das Zweite ist, dass viele Wildtiere – und nach meinem Eindruck auch dieser Wal – sich nach ein paar Tagen an die Leute gewöhnen, die sie behandeln, und dann durchaus gar kein so großes Problem mit der Behandlung haben.“ Der Stressfaktor durch die reine Anwesenheit der vertrauten Mediziner sei somit im Verlauf gesunken.

Dass am Ende dennoch das Versagen stand, könnte auch mit den letzten Tagen an Bord der Schlepper zusammenhängen. „Auch beim Transport scheint es ja tatsächlich die letzten ein, zwei Tage sehr eigenartige Vorgänge gegeben zu haben, die nun auch aufgearbeitet werden müssen. Welche Rolle die nun dafür gespielt haben, dass Timmy dann doch nicht überlebt hat, das wird sich alles erst klären müssen“, so Rheker.

Der Ausblick: Handlungsleitfäden für die Zukunft und die Kraft des Machens

Trotz des traurigen Endes weigert sich die Medizinerin strikt, das Projekt als reinen Fehlschlag abzutun. Für die Zukunft habe die Region und die Wissenschaft unschätzbare Erkenntnisse gewonnen: „Wir haben sehr, sehr viel lernen können. Es wird jetzt aufgearbeitet, es wird Handlungsleitfäden geben für eine mögliche weitere Walstrandung. Es ist sehr viel Interesse auf die zugrundeliegende Problematik in den Weltmeeren gelegt worden.“ Die enorme Aufmerksamkeit lenke den Fokus nun endlich auf das globale Sterben von Walen und Delfinen durch Stellnetze.

Zudem zieht Rheker eine tiefe gesellschaftliche Lehre aus der Dynamik, die entstand, als die private Initiative das Zepter von den zögernden Behörden übernahm: „Es ist einfach auch gezeigt worden, wie viel möglich wird, wenn sich einfach mal ein paar Leute zusammentun und allen Risiken zum Trotz die Ärmel aufkrempeln und einfach loslegen. Denn man muss wirklich sagen: Alle Leute, die große Erfolge hatten, sind nicht so erfolgreich geworden, weil sie einfach auf der Sonnenseite geboren wurden und nie wieder Probleme hatten, sondern weil sie sich von Misserfolgen und widrigen Umständen nicht haben aufhalten lassen. Und deswegen würde ich auch hier diese Aktion nicht unter ‚komplett gescheitert und bitte nie wieder machen‘ verbuchen. Wir wissen jetzt sehr genau, welche Sachen gut funktioniert haben, welche gar nicht funktioniert haben, wo Verbesserungsbedarf ist – und daraus kann man für die Zukunft eigentlich nur lernen.“

Bei RADIO LÜBECK kann man sich das Interview um kurz nach 10 Uhr, 15 Uhr und gegen 19.40 Uhr anhören. Hier geht es zum Stream.